Donnerstag, 13. August 2015

Reimar Oltmanns: Reporter-Leben - Keine Zeit für Angst und Tränen. Das Fremde wird nah, die Nähe fremd. Kein Ort - nirgendwo


Der Reporter Reimar Oltmanns schrieb seine Autobiografie, die sich wie ein Roman liest. Nur mit dem Unterschied, dass es sich hierbei um die Wirklichkeit handelt. So entstand ein subjektives Dokument der Zeitgeschichte von einer entwaffnenden Offenheit, auch Gesellschaftskritik.
Reimar Oltmanns zeichnet sein Dasein auf, um Vergangenes, Verdrängtes, Vergessenes vieler Zeitgenossen oder Weg Gefährtinnen ins Blickfeld zu rücken. Dabei hatte der Reporter Sehnsucht nach Weltweit-Grenzen. Er fühlte Fernweh
und meinte Heimweh. Sein Leben glich einer atemlosen Berg- und Talfahrt. Es ging stets rauf wie runter, angekommen ist er nie. Er traf in Deutschland und anderswo auf Charaktermasken und Karrieristen, deren Bilder sich wie Fratzen tief in sein Gedächtnis eingegraben haben. Reimar Oltmanns begreift sein Dasein, seine Erinnerungen, Widersprüche  und Konflikte als unverbrüchliche Seismographen für viele Weggefährten seiner Generation. Für Menschen, die den Paradigmen-Wechsel in unserer Epoche möglichst unbeschadet überstehen wollen.
Reimar Oltmanns ist immer noch auf der Suche, immer noch spürt er den Unruhe-Zustand. Er war ein Reporter aus Leidenschaft, unbestechlich, mutig und rastlos. So reiste er durch die deutschen Lande, gab Entrechteten, Ausgestoßenen seine Stimme. Er flog zu fernen Kontinenten, in denen Krieg, Terror, Folter und Diktaturen herrschten, dort wo der Mensch entmenschlicht vor sich hindümpelte. Jene Schallgrenzen speisen Herrschaftsinstrumente der Ausgrenzungen, Abgrenzungen Entgrenzungen - Sprachgrenzen.
Reimar Oltmanns begriff im rasenden Zeitalter seiner Jahrzehnte ganz allmählich, dass er nur eine Heimat hat: die der deutschen Sprache - Reporterleben.
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Reporter-Leben. Keine Zeit für Angst und Tränen.
Das Fremde wird nah, die Nähe fremd. Kein Ort - nirgendwo. 
Autobiografie.
Tredition-Verlag, Hamburg 2015,
Hardcover ISBN 978-3-7323-5491-7,
Paperback ISBN 978-3-7323-5490-0
e-Book: ISBN 978-3-7323-5621-8
 Seitenzahl 608 
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"Der Autor zeichnet eine selbstkritische Biografie zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen Karriere und Ausstieg. Er schildert sein Reporter-Leben vor dem Hintergrund der letzten fünfzig Jahre; es ist eine aufwühlende, einfühlsame Buchlektüre ...".                               Hans-Jürgen Michel, Schwerin

                                                                  ***

"Das ist eine großartige Aussage eines Zeitzeugen von "damals" - und wir könnten sie so übernehmen in dieser jetzt so dramatischen Zeit in Europa."                               Micaela Sauber, Hamburg


Freitag, 9. Mai 2014

Reimar Oltmanns "Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen". Bild-Band 1 (1969-1979) und Bild-Band 2 (1980-2010)
























Der erste Band mit Bilddokumenten von 427 Seiten hilft Gedächtnislücken zu schließen. Nur ein präzises Erinnern lässt gesellschaftliche Stagnation, gedanklichen Stillstand - aber auch restaurative Abläufe in ihrer Kontinuität erkennen. Spuren in Manuskripten wie sorglos verschüttete Texte gilt es zu sichern, nicht nahezu alles einer teilnahmslosen Beliebigkeit zu überlassen. In diesem Buch erzählt Reimar Oltmanns von Menschen , Schicksalen, Ereignissen - von verloren gegangenen Illusionen. Diese edierte Reportage-Sammlung entführt Leser wie Leserinnen auf eine Weltreise - spannend, analytisch, einfühlsam. Es sind Beschreibungen aus einer längst verflossenen Epoche, aber in ihrer Aussagekraft immer noch aktuell.

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Reimar Oltmanns: Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen - Reportagen, Berichte, Porträts, Erzählungen zur Zeitgeschichte. Band 1 (1969-1979). Books-on-Demand, Norderstedt 2010, ISBN 9783842332942

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 e-paper:
http://itunes.apple.com/de/book/kein-schoner-land-in-dieser/id445836980?mt=11
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Im zweite
n Band mit zahlreichen Fotografien von 352 Seiten belichten Milieubeschreibungen aus vielen Ländern die Wirklichkeit. Sie zeigen Denkweisen, Gefühle und Handlungsstrategien einer vergangenen Ära. Ein Rückblick, der verdeutlicht, dass die Befindlichkeiten der Menschen, ihre Hoffnungen, Perspektiven und Verzagtheiten, ihre Rechtfertigungs- und Verdrängungsmechanismen intensiver waren als im darauffolgenden Jahrzehnt. - Reportagen biegen Realitäten nicht zurecht, lassen sich nicht in erwartete ideologische Grundraster zwängen, sprengen deren Rahmen. Die Reportage ist und bleibt dieKönigin der journalistischen Kunst.

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Reimar Oltmanns:
Kein schöner Land in dieser Zeit. Verlorene Illusionen - Reportagen, Berichte, Porträts, Erzählungen zur Zeitgeschichte. Band 2 (1980-2010). Books-on-Demand, Norderstedt 2010, ISBN 9783842333130
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e-paper:

http://itunes.apple.com/de/book/kein-schoner-land-in-dieser/id445836999?mt=11

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"Die Zeit heilt Schmerzen und Streitigkeiten,
weil der Mensch sich ändert.
Weder der Beleidiger noch der Beleidigte
bleiben, was sie einmal waren."
Blaise Pascal, katholischer Philosoph (*1623+1662)

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Milieubeschreibungen, Erzählungen und Berichte des Autors Reimar Oltmanns über die Mächtigen, Verbannten wie Ausgesperrten in vielen Ländern in ihren Epochen belichten die Wirklichkeit dieser Jahrzehnte. Sie zeigen  eindrucksvoll verschiedene Denkweisen, Gefühle, Ohnmachtsmomente und einen unbändigen Freiheitswillen der beschriebenen Einzelschicksale überall auf der Welt.

Der Autor war als Reporter für  verschiedenen deutsche Magazine an vielen Krisen- und auch Kriegsschauplätzen unterwegs. Seine Bücher machen nachdenklich. Oltmanns berichtet vorgeblich über Hunger, Umweltzerstörung, Kindesmisshandlungen, Folter im Namen der Terroristenjagd wie  die systematische Durchleuchtung des einst unbescholtenen Bürgers. Schauplätze, gar Anlässe mögen sich verändert haben, Grundbedingungen des Überlebenskampfes schaffen vielerorts neue Aktualität.

Beide Bücher von Reimar Oltmanns umfassen ganze vierzig Jahre - und vier Jahrzehnte sind kein Tag. Leser wie Leserinnen werden unweigerlich über die anschaulichen Texte reflektieren, weil sie sich fragen, welche Fortschritte für die Würde des Menschen tatsächlich - in Sachen Demokratie , Menschenrechte, gegen Ausbeutung der Bevölkerung - gemacht worden sind. Es hat sich, das belegen die beiden Bände zweifelsfrei. wenig verändert. Hoffnung? Fehlanzeige.

Aber auch in Europa - vornehmlich in Deutschland - werden Oltmanns Reportagen zu einem Stück Geschichtsbegleitung, Geschichtsbeschreibungen. Die politische Routine in den Hauptstädten dieses Kontinents entpuppt sich zunehmend geschmeidiger, konturloser zu einer TV-Soap. Die Wirklichkeit (dies zeigen Oltmanns Texte über die Oben-und-Unten-Verhältnisse) in Deutschland hingegen - dort draußen in den Provinzen und Regionen - folgt längst ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, Lebensgefühlen und Erfordernissen. Es sind kaum wahrnehmbare Verzagtheiten von Menschen, die sprachlos am Wegesrand stehen - Menschen als Kostenfaktor.

Es sind Bücher, die politische Zusammenhänge verdeutlichen und emotional berühren. Wie schrieb der Autor: "Was wir wollten, was aus uns geworden ist." Für den Geschichtsunterricht sehr zu empfehlen.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Charakterfest und entschlossen - Augenblicke im Leben der Jutta Oltmanns. 90 Jahre sind kein Tag


































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  "Mit einer Kindheit voll Liebe (Deiner Liebe und Fürsorge) kann man ein halbes Leben hindurch die kalte Welt aushalten."

Das sagte uns der Schriftsteller Jean Paul (*1763+1825).  Der Dichter Hermann Hesse (*1877+1962) ergänzte: "Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen."  

In unseren gemeinsamen Jahren in Schöningen, auf  Spaziergängen durch den Elm,  auf dem Friedhof waren wir uns nah, sehr nah.  Zuweilen redeten wir nicht viel. Wir spürten das Gefühl einer unverbrüchlichen Zweisamkeit, aber auch der Endlichkeit.  Wir ahnten die Begrenztheit unserer Zeit. 

Vielleicht blieb es ein Zufall oder auch nicht. Wir standen vor  dem Grab von Wilhelm Raabe (*1831+1910) in Braunschweig.  "Hoffnung und Freude sind die besten Ärzte", schrieb der deutsche Erzähler. -   Eine innere Ruhe und Gelassenheit begleiteten uns zur Pforte. 

Freitag, 5. Oktober 2012

Lyrik, Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (7)

        
                                       
von Gerrit Engelke, deutscher Arbeiterdichter, geboren 1890 in Hannover; gestorben  1918 bei Cambrai in  Frankreich

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H E R B S T


Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im  Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.

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Mittwoch, 25. Januar 2012

Bonner Jahre - Hammelsprünge 2012






















Buchkapitel des Autors in dem von der Journalistin Ursula Kosser herausgegebenen Band . Im Vorlauftext heißt es: "Die Verknüpfung von Sex und Macht war in der Bonner Republik Alltag. Was bislang nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, liefert den Hintergrund heutiger Debatten - etwa über die Frauenquote. Denn viele der beteiligten Männer und Frauen wirken heute aktiv und in hohen Positionen an der Politik dieses Landes mit. Im Buch "Hammelsprünge" schildern Akteure und Beobachtern jener Bonner "Treibhaus"-Jahre, was Politiker und Journalisten taten, um "den jungen Hühnern das Gefieder zu stutzen".


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Ursula Kosser: HAMMELSPRÜNGE
Dumont Buchverlag
250 Seiten, Hardcover.
EUR 18,99
ISBN: 978-3-8321-9656-1
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Sonntag, 8. Januar 2012

Unabhängiger Sender mit scharfen Sachverstand - Freies Radio Helsinki, Graz









Frech, witzig, kritisch, unbequem,
lebensnah, die Langeweile ist ausgewandert - Moderation, Interviews, Kommentare, Analysen zum gesellschaftlichen Zeitgeschehen und politischen Ereignissen dieser Jahre im freien Radio Helsinki, Graz 2012 - gegen Ausgrenzung, Selbstgefälligkeit, Bestechung, Trägheit in Oben-Unten-Gesellschaften. Radio Helsinki ein Radio Kunterbunt - Stimmen, die gegen den Strom schwimmen.



Samstag, 24. September 2011

Lyrik,Gedichte, Verse - Versus memoriales - schnelllebige Tage, flüchtige Momente des Vergessens (6)


















Christian Friedrich Hebbel (*18.März 1813 in Wesselburen, Dithmarschen; + 13. Dezember 1863 in Wien) war ein deutscher Dramatiker und Lyriker. Sein Pseudonym in der Jugend war Dr. J.F. Franz


ABENDGEFÜHL

Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag !

Der mich bedrückte,
Schläfst du schon, Schmerz ?
Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz ?

Freude, wie Kummer,
Fühl' ich, zerrann,
Aber dem Schlummer
Führten sie leise heran.

Und im Entschweben,
immer empor,
Kommt mir das Leben
Ganz wie ein Schlummerlied vor.




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Joachim Ringelnatz (*7. August 1883 in Wurzen; + 17. November 1934 in Berlin; eigentlich Hans Gustav Bötticher) war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt ist.

 


An Gabriele B.

Schenk mir dein Herz für vierzehn Tages,
Du weit ausschreitendes Giraffenkind,
Auf daß ich ehrlich und wie in den Wind
Dir Gutes und Verliebtes sage.

Als ich dich sah, du lange Gabriele,
Hat mich ein Loch in deinem Strumpf gerührt,
und ohne daß du's weißt, hat meine Seele
Durch dieses Loch sich bei dir eingeführt,
Verjag sie nicht und sage: "Ja!"
Es war so schön, 

als ich dich sah.
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Cäsar Otto Hugo Flaischlen (* 12. Mai 1864 in Stuttgart; + 16. Oktober 1920 im Sanatorium Horneck in Gundelsheim) war Anfang des 20. Jahrhunderts ein bekannter Lyriker und Mundartdichter. Er starb im Alter von 56 Jahren und ist heute weitgehend vergessen.


Man hätt es nicht dürfen.
man hätt es nicht sollen,
und man hat es
dennoch gewollt . . .

Und es war so schön,
wie's nie gewesen,
hätt man es dürfen,
hätt man's gesollt.


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Die Lyrikerin Monika Schüler, (* 1957 in Großdorf Haßloch/Pfalz), lebt in Worms. Sie war immer schon anders in ihren bizarren Gefühlen, tief empfundenen Wahrnehmungen, seelischen Aphorismen. Und sie hatte immer schon ein unendliches kaum zu beruhigendes Fernweh. So schreibt Monika Schüler in Bildern, Gefühlen, in Düften, Gerüchen. Ihre Gedichte klingen vielleicht wie Musik, in Tönen, Klängen; mal temperamentvoll, dann wieder unerwartet zärtlich. Ihr erster Gedichtband ist wie ein Vulkan - unterlegt durch Meditation, Hypnose, Trance aus einer anderen, fernen Welt des Bewusstseins.

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Texte aus der Tiefe meiner Seele
Books on Demand, Nor
derstedt,
ISBN: 978-3-8448-6994-1, Paperback, 116 Seiten


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ENGELSDUFT ...Magisch -
Silbern - glitzernd
Fliegt er durch die Luft ...

Er klingt mit Flöten,
Harfen, zarten Tönen,
Weich - und himmlisch
Leicht getragen
Durch die Luft ...

Für alle Menschen
Riecht es
Gleich - betörend.

Verzaubernd gleitet er
Berauschend durch die Luft.

Selbst das Elend
Und die Armut
Halten ihren Atem an,

Versinken
im Rauschen
Dieses Phänomens ...

Engelsduft
Liegt webend
In der Luft ...

Wenn Engel
Ihre weiten Flügel
Breiten aus ...

Aus dem Himmelszelt
Sich liebevoll -
Zur Erde
Tief herab begeben ...

Lässt selbst
Die Kindertränen
Süß versiegen ...

Mit Göttlich -
Großer Liebe -
Sind sie - für uns Menschen
Die Behüter in der Welt.

Engelsduft ..

http://www.blogger.com/img/blank.gif
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DIE NACHT

Des Nebels
Graue Schleier;
In Milch gegossen
der Weg
in Schnee getaucht;

begleitet von der Stille
Dunkelheit;
Der Schrei der Eule,
die nach Weisheit schreit;
das Dunkel,
das die Nacht bezeugt.

"Gedanken", das Gespür;
nach Ewigkeit,
Geräusche flirren
durch die Nacht.
Vom Mond erleuchtet,
ist die Kraft.


"Die Augen schauen"
Sehnsuchtsvoll;
"Es ahnt der Morgen."


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LIEBE
" Die Liebe ist so leicht wie das Schweben in die Wolken,sie ist - oder sie ist nicht.Sie braucht keine Diskussionen, sie lebt von wahren Gefühlen.
Ihr Inhalt ist groß und eines.Nicht beseelt von selbst gemachten Gedanken, -
Und Worten, die nicht zu ihr gehören."

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Katharina Lanfranconi ( *20. Juni 1948 in Luzern / Schweiz)
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WECHSTABEN VERBUCHSELN

wenn worte ihren anfang tauschen
fährt krokodil aus seiner haut
der taube lernt im nu lauschen

und erbensuppe kichert laut

wenn torten ihren anfang wauschen
fährt krokodil aus seinem kraut
die laube kann auf einmal tauschen

nur erbsensuppe lacht nicht laut

weil ausgelöffelt statt verwechselt
sie lautstark ihre wut verdaut

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FRAUENPOWER

weisse zähne
die beissen

laufen mit gelben

die lächeln

kür und pflicht
auf gefrorenem
schweisse


schmallippig

umrandet

lauert listig
das eisloch

alle mütchen
zu kühlen


auch heisse

lacht der himmel bin ich
traurig
heult er rotz bin ich recht froh

meine stimmung ist ga schaurig
und gedrückt wenn andre froh

wenn aus pappe eine nase
schreiend dein gesicht verziert

oder eine schweineblase
voller farbe mich verschmiert

und dein unbedarftes quieken

nicht einmal das schlimmste ist
wenn die freunde glücklich blicken
froh wie hühner auf dem mist


könnt ich dich mit haut und haaren
zum teufel schicken weil du nie

die schönen dinge kennst, die wahren
die wonnen der melancholie

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ICH WILL

dich müde küssen
trauriger

bis deine lider
flattern


weisse
schmetterlinge
sterben leise
lächelnd

leichten tod


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MORGENLIEBE

in deinen schlaf

erfand ich
zeichenschriften
die kein gelehrter

und kein mönch
in seiner klause
jemals sann

in goldne
haut hab ich mit
federkielen sie geritzt
wie blaues licht
so fein, dass nicht

ein tropfen blut
von deiner stirne rann

erwachsend schautest du
die schrift im sonnenlicht

die morgenliebe
jauchzte junges glück
und küsste doch
beio jeem wort
das sie verstand

in süssen schlaf zurück

einen tag
wie heute

könnt ich
glatt verschlafen,

verschenken,
oder in eine grosse
umzugskiste packen

draussen vergässe
ich sie im regen
und würde zusehen,

wie ein grosser
hund kommt
und sein strammes
bein hebt

dann würde ich
mir eine zigarette
anstecken und
einen tiefen

zug nehmen,
obwohl ich
das rauchen
längst aufgegeben
hätte

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CLUB DER LEBENDEN DICHTER

kaum gelesen,
noch seltener gehört,

von keinem erfolg
in der stille gestört,

so singt er mit wortklang
den traurigen winden

bleibt meist ohne anhang
da keiner zu finden

die nächtliche kammer
bevölkert gelichter


stipendiert ist im
glücksfall das brot -

berühmt wird vom club
der lebenden dichter

ausschliesslich
wer hin ist und tot

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Stefan Anton George (* 12. Juli 1868 in Büdesheim ,heute Stadtteil von Bingen am Rhein, + 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno)
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SPRICH NICHT IMMER

Sprich nicht immer

Von dem laub
Vom zerschellen
Reifer quitten
Von den tritten
Der vernichter
Spät im Jahr.

Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter

Deren flimmer
wandelbar.


WENN ICH HE
UT NICHT DEINEN LEIB BERÜHRE
Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner Seele reissen
Wie zu sehr gespannte sehne.
Liebe zeichen seien trauerflöre
Mit der leidet seit ich dir gehöre.
Richte ob mir solche qual gebühre

Kühlung sprenge mir dem fieberheissen
Der ich wankend
draussen lehne.
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Walter Bendix Schönflies Benjamin (* 15. Juli 1892 in Berlin; + 26. September 1940 in Portbou)


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"Nur um der Hoffnungslosen Willen ist uns die Hoffnung gegeben."

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Nikolaus Lenau , eigentlich: Nikolaus Franz Niembsch, ab 1820 Edler von Strehlenau, geboren am 13. August 1802 in Csatád (dt. Tschodat) im Banat, Königreich Ungarn, heute Lenauheim in Rumänien; + 22. August 1850 in Oberdöbling, heute Stadtteil Wiens) war österreichischer Schriftsteller des Biedermeier.

NEBEL

Du, trüber Nebel, hüllst mir
Das Tal mit seinem Fluß
Den Berg mit seinem Waldrevier
Und jeden Sonnengruß.

Nimm fort in deine graue Nacht
Die Erde weit und breit !
Nimm fort, was mich so traurig macht,
Auch die Vergangenheit !

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Friedrich Rückert (*16. Mai 1788 in Schweinfurt; + 31. Januar 1866 in Neuses (heute Teil von Coburg); Pseudonym Freimund Raimar, Reimar oder Reimer)
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Das Jahr


In einem Land möcht' ich wohnen,
Wo der Natur gesetzter Zwang

Hinwandeln läßt durch glüh'nde Zonen
Des Jahres unverrückten Gang;

Wo nach des Winters Regengüssen
Ein langer fester Sommer kommt
Und auch die Menschen fühlen müssen,
Daß nicht ein wirrer Wechsel frommt.

Und wäre das mir nicht beschieden,
So möcht' ich wohnen an dem Pol,

Wo eines tiefen Winters Frieden
Ich mir ließ auch gefallen wohl;
Da muß des Menschen Geist versenken

Sich können in das Daseins Schacht
Und still sich nach den Sternen lenken
In ewig heller Winternacht.

Unselig ist der Mitte Schwanken,
Dem hier wir unterworfen sind,

Wo Stunden wechseln wie Gedanken,
Und die Gedanken wie der Wind;
Wo keine ruhige Entfaltung
Erlaubt des Jahrlaufs wilde Hast
Und in verworrner Welthaushaltung

Mensch und Natur hat nirgends Rast.

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Angelus Silesius
(lat. für "Schlesischer Bote / Engel", eigentlich Johannes Scheffler; getauft am 25. Dezember 1624 in Breslau; + 9. Juli 1677 ebendort


Dein Kerker bist du selbst
Die Welt, die hält dich nicht,
du selber bist die Welt,
Die dich in dir mit
dir so stark gefangen hält.




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Max Dauthendey (*25. Juli 1867 in Würzburg; + 29. August 1918 in Malang auf Java)

Unsere Augen so leer,
Unsere Küsse so welk,
Wir weinen und schweigen,
Unsere Herzen schlagen nicht mehr.

Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer, Die Schwalben scheiden, Sie kommen wieder, Aber nie mehr uns beiden.
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Simone Hirth (*1985) in Freudenstadt, aufgewachsen in Lützenhardt, studierte am Deutschen Literaturinstitut, lebt in Leipzig. Im Jahre 2007 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, Förderpreis der Hermann-Lenz-Stiftung

NOTIZ

Heute lasse ich die Großmütter sterben
und koche nichts.
Heute zweifle ich nicht an den roten Wangen der Teilzeitkraft in der Metzgerei.
Heute verstehe ich die Uhrzeit falsch
und verliebe mich.
Heute warte ich nicht vergeblich auf mein Glück, heute grab ich mich ein.
Heute bewerbe ich mich um eine freie Stelle auf meiner Tapete.
Heute verwette ich mein Erbe
und kaufe nichts.
Heute bin ich weg.

Montag, 25. April 2011

John Hayes died in Lompnaz (France)













The it-specialist John Hayes, born in Liverpool, died in Lompnaz, Département Ain (France) on the 24. April 2011, has spent his lifeMany years he was my it-teacher, my friend.

He was highly intelligent, a Computer expert first class. He was helpful, full of character, perhaps too sensitive for this world.

John was not a fair-weather-type, no spin doctors. He was standing in wind and weather on the mat. Center of his life was his familiy - Rosie, Anne-Laure and Cloé. The John now has to leave too early. That makes me angry. Because the best to go early, John was one of the best, a distinctive characters - he went his way.


Reimar OLTMANNS
Graz, 26. April 2011 (Austria)

Dienstag, 8. März 2011

Frauen an der Macht - Protokolle einer Aufbruchsära - Gedanken zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages am 8. März 2011
































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Pressenet
7. März 2011
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Was bereits vor Jahrzehnten begann, brennt landauf, landab immer noch unter den Nägeln. Der Aufbruch von Frauen in die Politik, deren Ankunft und Bleiben am Hebel der Staatsmacht, als Führungskader in Chefetagen von Unternehmen, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit - nach wie vor in Deutschland eine Ausnahme. Dieses bereits vor 21 Jahren von dem Journalisten Reimar Oltmanns veröffentlichte Buch ist ein historischer Beleg dafür, wie dringend die Einführung der Frauenquote als Schlüssel zur gleichberechtigten Machtteilhabe geboten ist. Seit über zwei Jahrzehnten dümpelt der weibliche der weibliche Anteil an Parlamentssitzen im Deutschen Bundestag um die 30 Prozent plus minus null vor sich hin. - Blockaden.

Wer diesen Band heute liest, wird schnell verstehen, wie wenig sich in diesem Deutschland - dem Land der Männer - zugunsten für Politikerinnen, wohl aber auch für die Frauenbewegung insgesamt verändern ließ. Stillstand. Nach wie vor verdienen Frauen je Arbeitsstunde in Europa 15 Prozent, in Deutschland sogar 23 Prozent weniger als Männer. Und das, obwohl sie in der Schule und an der Universität besser abschneiden. Nach wie vor verstehen sich Politikerinnen in den Parlamenten Europas als mehr oder weniger geduldete Minderheit. - Eine Frauen-Minderheit, die in den Ländern die Bevölkerungs-Mehrheit stellt. Ein Anachronismus dieser Jahre.

Wer nach Gründen und Ursachen sucht, warum trotz ein in der Öffentlichkeit wachgeküsstes feminines Bewusstsein mit dominanter weiblicher TV-Präsenz an der sozialen Ausgangslage von Millionen von Frauen wenig ändern konnte (Leichtlohngruppen), wird folgerichtig den bedrückenden Zustand ableiten: in den eigentlichen Machtfragen für Frauen sind über Jahrzehnte trotz hehrer Lippenbekenntnisse Nebelkerzen geworfen worden.

Dieses Oltmanns-Buch, zum 100. Jahrestag des Internationalen Frauentages an 8. März 2011 erneut gelesen, ist praktisch ein eindringliches Memorandum früherer Politikerinnen aller Parteien, den Pfad der Appelle, der Freiwilligkeit endlich zu beenden - ihren Machtanspruch rechtsverbindlich und europaweit zu erzwingen.

Fünf Frauen berichten von ihrem beschwerlichen, zum Teil auch entwürdigenden Einstieg, ihrem Werdegang und ihrem von Männer-Vorurteilen gepflasterten Leben in der Politik. Wenn man der früheren Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei (1976-1978), (*1919+1983), der Familienministerin Renate Schmidt (2002-2005), der Staatsministerin im Auswärtigen Amt Irmgard Adam-Schwaetzer (1987-1991), der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (1988-1998) und der Grünen-Politikerin Antje Vollmer (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages 1994-2005) Glauben schenken darf, so haben selbst Frauen, denen es gelang, hohe politische Ämter zu erringen, bei ihren Parteigenossen einen schweren Stand. Was sie wollten - und was aus ihnen geworden ist.

Nur ein präzises Erinnern lässt in seiner Tiefenschärfe die gesellschaftliche Dimension dieses deutschen Geschlechterkampfes erkennen. Deshalb ist dieser Band gerade für Männer aktuell sehr zu empfehlen, schildern zahlreiche authentische Textpassagen Frauen-Visionen, aber auch tatsächliche Frauen-Aufbrüche im Denken, Fühlen und Handeln. Nur waren und blieben es bislang Aufbrüche ohne Ankunft.

Es war der Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas, der von einer zunehmenden Entkoppelung von System und Lebenswelt sprach. Aus dem System der verwalteten Welt gliedere sich nicht nur die Lebenswelt aus; innerhalb dieses Systems erfolge zudem ein Substanzverlust des Politischen. In dieses Vakuum sind die Frauen mit einem neuen Politik-Verständnis vorgestoßen. Jede Frau, die Reimar Oltmanns in seinem Buch beschreibt bzw. zu Wort kommt, ist repräsentativ für einen politischen Abschnitt dieser Umbruch-Epoche. An ihren Schicksalen lässt sich dokumentieren, wie aussichtslos ihr Kampf zunächst erschien und welche Perspektiven er mit der Zeit - trotz aller Hindernisse - freigelegt hat. Perspektiven, die an Konturen gewinnen, wenn es gelingt, innere Abläufe, die das Tageslicht des Männer-Milieus mit Grund scheuen, nach außen zu kehren.

So berichtet beispielsweise die von Männern ins Abseits gejagte Marie Schlei: " ... die Ellenbogenpolitik der Männer dominiert. Darin sind die Kollegen stark. Aber solche Werte und Umgangsformen haben heutzutage auch in den Regierungsetagen nichts mehr zu suchen. Wir Frauen hingegen sind darin geübt, direkt und frei zu beschreiben, was wir fühlen, meinen, erfahren."

Reimar Oltmanns, der dieses Buch zusammenstellte und zu jeder persönlichen Stellungnahme der Frauen eine Einleitung schrieb, konstatiert: "Ihr blieb ... letztlich keine andere Wahl, als sich an die Bartheke zu setzen, wenn sie Aufmerksamkeit und Einfluss gewinnen wollte." Die Geschlechterklassifikation, die Reimar Oltmanns beklagt, beginnt schon dort, wo sie ansetzt, nämlich an dem Punkt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Eigenschaften und Interessen hätten. - Oltmanns geht davon aus, dass sich mit den Frauen ein neues Politikverständnis durchsetzt, dass "hierum der eigentliche Kampf zwischen routinierten Alleskönnern und den nachdenklichen Frauen" ginge.

Insofern ist dieses Buch eine Reise durch die alte Bundesrepublik, durch die virulenten politischen Möglichkeiten dieser Gesellschaft. Es geht letztlich um eine neue Politik, um ein neues Politik-Verständnis. Darum, dass Politik wieder zu einem breiten, gesellschaftlichen Anliegen wird und nicht zu einem Geschäft in der Grauzone verkommt. Vielleicht wird es auch einigen männlichen Leser das Umdenken lehren: das Ausbrechen aus einem Gedankengut, dessen Wurzel eher in der überalterten Vorstellung unserer Kultur zu suchen ist als in naturgegebenen Voraussetzungen. - Warte nicht auf bessere Zeiten ... ... schon zu lange ausgeharrt.


Samstag, 5. März 2011

Patricia Kaas - Ein Mythos kommt in die Jahre
















































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Pressenet
vom 5. März 2011
von Reimar Oltmanns
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Aufstieg und Krise der französischen Chansonnière Patricia Kaas / Als Aschenputtel im Pariser Schlager-Milieu begonnen / Lothringen, Lolita und Lili Marleen lassen grüßen / Weltweit Erfolge - "Ein Traum", der nicht enden soll / Der Blues als Liebesschwur zur geklonten Tiefkühl-Erotik dieser Epoche

Da steht sie nun wieder auf der Bühne - die weit über 40jährige Patricia Kaas, diese ewig scheinbar legendäre "Mademoiselle chante le Blues" vor 660 Bankern und Managern im obligaten Nadelstreif. Ein Jubiläum - die 150-Jahr-Feier der Crédit Suisse - in der Bankenmetropole in Zürich gilt es in der Stadthalle zu feiern. Und sie, ausgerechnet sie, die Französin Patricia Kaas, wurde dafür ausgewählt, mit betörenden Liedern älteren, ergrauten Herren der Schweizer Wirtschafts- und Politprominenz rockige Rhythmen und ein bisschen Sex-Appeal einzuhauchen.

Zerbrechlich sieht Patricia Kaas aus, knabenhaft wirkt sie im hautengen schwarzen Mini-Kleid, scheu schaut sie aus ihrem spitzen, aschfahlen Porzellan-Puppen-Gesicht, wenn da nur nicht ihre verruchte Stimme von gewaltigem Format wäre. Atemlose Stille begleitet sie, die Band schweigt, sie scheint mit dem Lied "Lili Marleen" allein zu sein; ein bisschen lasziv, ein wenig kindlich, sorglos und treuherzig allemal.

Wenn sie Edith Piaf "La vie en rose" ins Mikrophon flüstert, sind die langen Jahre verflogen, die vergangen sind zwischen gestern und heute. Nonstop singt Patricia Kaas da fast zwei Stunden lang aus ganzen Leibeskräften. Sie zittert, bebt, schreit, kokettiert, animiert, ziert sich, mimt Lolita und den Vamp, die Klagende, den Clown, die Verletzende. Und mit ihrem Chanson "Je te dis vous" liefert sie sich in ihrer intimen Zerbrechlichkeit aus. Seelenstriptease genannt.

Nichts - so will es scheinen - war für das Mädchen aus der Deutsch sprechenden Grenzregion einer kinderreichen Bergmannsfamilie in Lothringen erfolgreicher als der Erfolg. Sieben Mal wähnte sich Patricia Kaas bisher auf Welttournee. Allein bei ihrer letzten Erdumkreisung spielte sie zwischen Mai 2004 bis Oktober 2005 in insgesamt 175 Konzerten in 25 Ländern vor mehr als 750.000 Zuschauern. Ihren größten Erfolg hatte sie im Jahre 1993 mit ihrem dritten Album "Je te dis vous". Zweimal erhielt sie den World Music Award für die beste französische Künstlerin der Jahre 1991 und 1995. Patricia über ihr Erfolgsgeheimnis: "Meine Freunde sagen mir immer: Wenn du auf der Bühne stehst, bist du so charismatisch und stark, aber in manchen Momenten auch verspielt und kokett wie ein kleines Mädchen. Das ist jedoch keine Pose, die ich aufsetze. Ich habe eben eine verspielte, aber auch sentimentale Seite."

Da war nämlich die Armut - ein Aschenputtel-Dasein mit sechs Geschwistern; die Mutter, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit Tochter Patricia zum Vorsingen nach Paris fuhr und ihr immer wieder einflößte: "Du musst singen und kämpfen, mein Kind." So hockte sie schon als 13jährige Schülerin für ihre ersten Kaschemmen-Auftritte in der heimatlichen "Rumpelkammer" vor dem Badezimmerspiegel, zog sich rote Lidschatten über ihre Samtkatzenaugen; das Gesicht in Dietrich-Pose überlebensgroß in der Nahaufnahme Lili Marleen nachahmend.

Der Vorhang fällt. Seltsam knirscht es in solchen Momenten, wenn Patricia Kaas sich allein wähnt. Diese Kaas, die soeben mit Vehemenz unnachahmlich der Banken- und Finanzwelt eine Glitzer-Fassade präsentierte - diese Chanson-Sängerin Patricia Kaas gibt es in Wirklichkeit nicht mehr; ein Abziehbild verflossener Jahre. Krisen-Jahre. Trist schaut der "kleine Diamant" (Alain Delon) drein. Wenn es nach ihrem Songmanager Robin Millar in London gegangen wäre, sollte aus dem "Rohmaterial Patricia Kaas" ein Weltstar in englischer Sprache geschliffen werden. Der weltweit agierende Musikmacher hatte ihr schon verdeutlicht, dass sie einen Teil ihres französischen Publikums abgeschreiben müsse. "O.K", sagte sie da, "Freunde in meinem Alter habe ich sowieso keine gehabt. Dazu fehlte immer die Zeit. Ich hatte ja immer nur mit Menschen zu tun, die weitaus älter waren als ich." - Abschiedsstimmung.

Nur angekommen im anglophonen Entertainment dieser Jahre ist Patricia Kaas auch nicht. Misserfolge wie Flops endeten in Karriere-Knicken dieser einst so umschwärmten Französin mit ihrem unwiderstehlichen Temperament. Mitte der neunziger Jahre wurde das Album "Café noire", genannt "Black Coffee", aufgezeichnet. Dabei handelt es sich um ein 1995 in New York eigens für den amerikanischen Markt arrangiertes Werk mit englischen Texten. Es kam nie in den Handel. Mit ihrem Weggang aus Frankreich, ihrer Abkehr von der französischen Sprache, hatte sich Patricia Kaas zwischen zwei Sprachkulturen gesetzt. Heimatlos.

Patricia Kaas gesteht: "Mit meinem Aufbruch nach Amerika habe ich viele Freunde von früher verloren. Er hat mich ein bisschen einsam gemacht. Auch wenn ich neue, sympathische Menschen treffe, weiß man nie, ist es Patricia Kaas, die Sängerin, die sie ansprechen, oder bin ich wirklich ich, Patricia, gemeint?" Das wusste sie offenkundig auch nicht so recht, als sie im Pariser Edel-Restaurant "Le Meurice" mit dem Koch Yannick Alleno, dem Held des Herdfeuers, eine Amour foux abbrannte. Sie zog nach Zürich, wollte vor der "Schickimickisierung" flüchten. Um wenige Jahre später Schweizer Journalisten zu berichten, dass sie sich von ihrer "neuen Liebe", einem neureichen Schweizer Automobilhändler mit der Begründung getrennt habe: "Seine Eifersucht macht mich rasend." Liebesgeschichten über Liebesgeschichten, Enttäuschungen über Enttäuschungen. Und Patricia singt: "Männer, die vorrüberziehen, Mama" ("Les hommes qui passent. Maman").

Und heute? Eine kreative Pause hat sie sich verordnet, um sich und ihre neuen Lieder zu finden, an alte Erfolge anknüpfen zu können. Krisen-Momente. Sie sagt: "Mein Gott ja, all diese Frauen, die am Ende so alleine sind, furchtbar. Wenn man eine Frau ist, verlangt man vielleicht zu viel von sich selbst. Man muss immer hübsch sein, darf keine Falten haben oder müde ansschauen. Und dann noch einen Mann, der sagt, 'Gib alles für mich auf'. - Nein und nochmals nein. Das Glück kennt nur Minuten."

Nur die französischen Chansons der Patricia Kaas aus ihren frühen Jahren sind für sie ein Traum, den sie leben will, und der nicht enden soll. Nicht nur für sie.


Dienstag, 22. Februar 2011

Nachgelesen - neubewertet: Der Intrigant . Die Wandlungen von Heiner Geißler und seine Bonner Operetten-Republik. Vom Saulus zum Paulus























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Pressenet
22.Februar 2011
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Erinnerungen an die Bonner Republik - Parallelen zu Berlin? Erinnerungen an Politiker der siebziger und achtziger Jahre, die unnachahmlich dem Bonner Staat ihren Stempel aufdrückten. Der mittlerweile 80jährige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler (1982-1998) ein Meister für Totschlag-Dialoge. Seine Standards fügen sich kontinuierlich aus "Lügner, Umfaller, Falschspieler, Verbrecher, Täuschungsmanöver, Vernichtungsfeldzug, Racheakt, Anschlag auf die Verfassung, Rufmordkampagnen, Moskau-Fraktion und Staatsbankrott" zusammen.

Unter Geißlers Regie entstand im Jahre 1977 eine Broschüre, in der er viele linke und liberale Intellektuelle in Deutschland als "Sympathisanten des Terrors" beschuldigte. Als es im Jahre 1983 um die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Europa ging, machte Geißler in der Sozialdemokratie gar die "Fünfte Kolonne der anderen Seite" aus, womit der Warschauer Pakt gemeint war. - Brunnenvergiftungen.

Über ein halbes Jahr hatte der Autor Reimar Oltmanns Seit' an Seit' im Büro des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler im Bonner Konrad-Adenauer-Haus sein Arbeitszimmer. Langzeitbeobachtung des früheren rheinland-pfälzischen CDU-Sozialministers an den Schalthebeln der Bonner Macht. Geißler war ehedem als Hoffnungsträger ausgezogen. Am Rhein hingegen sozialisierten Fernseh-Mattscheiben diesen Mann zu einem Zeitgenossen des eingefrorenen Dauerlächelns, der sich flugs in der Rolle eines unnahbaren Scharfmachers wiederfand. Politik-Verdruss, Vertrauens-Verlust, Politik-Empörung kannten einen Namen: Heiner Geißler.

In jener Zeit fragte sich der frühere Bonner Korrespondent Reimar Oltmanns zusehends nachhaltiger, suchte nach Ursachen und Gründen, welcher Sinneswandel, welche Kopfwäsche im Bonner Treibhaus da mit Heiner Geißler stattgefunden haben mag. Wie konnte es passieren, dass aus einem Idealisten "seit Goebbels (*1897+1945) der schlimmste Hetzer in diesem Land" (laut SPD-Chef Willy Brandt, *1913+1992) wurde?

Für den Autor glich das Treibhaus Bonn - anders als Berlin - einer dunstigen Käseglocke, unter der gewachsene Bindungen verkümmerten und ungezwungene Mitmenschlichkeit austrocknete. Die Politiker-Szene war und ist geprägt vom Überlebenskampf jedes einzelnen. Ein Überleben mit Aktenzeichen im Fraktionszwang, mit Intrigen in Affären, mit Staatskarossen und Helikoptern, in Parteizentralen und Lobbyburgen, behütet von Sicherheitsbeamten und Schützenpanzerwagen, zwischen Stacheldrahtverhauen und Videokameras. - Freiheit in Deutschland.

Nichts kennzeichnet den Verlust an Wirklichkeit, die Deformation der eigenen Person, die Verschiebung politischer Wahrnehmungsebenen deutlicher als das Politiker-Beispiel Heiner Geißler. Ein Mann, der von sich sagte, in Bonn sei er schmerzfrei geworden. Ein Jesuitenschüler, der ohne knallharte Konfrontation nicht mehr leben konnte. Diagnose: Suchtkrank. Ursache: Politik in Bonn. Jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem die Parteizentrale - das "Konrad-Adenauer-Haus" - im Dezember 2003 gesprengt wurde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schien auch die Ära Geißler Vergangenheit.

Heiner Geißlers Räumlichkeiten lagen damals exakt unter den knalligen CDU-Leuchtbuchstaben. Sie geben Aufschluss für ein absonderliches Getto-Dasein. Das U steht fürs Büro, zugleich auch sein Wohnzimmer mit Video, Fernseher, CD-Spieler. Unter dem D sind Sekretariat und Abstellraum. Unter dem C verbirgt sich sein winziges Schlafverlies. Ein schmales, kärgliches Zimmer, eine Pritsche als Bett, Tisch und Stuhl, ein Spind als Schrank, eingebautes Klo, Dusche. Schnörkellose, triste Lebensumstände, diktiert von der gängigen Vorstellung von Funktionalität und Effizienz. - Bonner Jahre. Junggesellen-Jahre.

Praktisch hatte Heiner Geißler, offiziell wohnhaft damals in Mainz mit Frau und drei Söhnen, kein Zuhause mehr. Freunde konnte er auch keine benennen. Allesamt waren sie ihm entrückt. Schemenhaft blieben ein paar Namen in Erinnerung. Und heute? "Das lässt der Job nicht zu!, murrte er knapp. Die politischen Lebensumstände des Heiner G. sind vom Stoff, aus dem Romane entstehen, nur mit dem Unterschied, dass es hier die Wirklichkeit ist. Reimar Oltmanns zeichnet am Beispiel Heiner Geißler die Entwicklung von Charakteren im Machtgetto, die Außen- und Innenabläufe, die wohlpräparierten Rollenspiele und versteckten Hoffnungen - wohlfeile Verstellungstriebe in der Politik.

Erst ohne Ministeramt (Bundesfamilienminister 1982-1985), Parteifunktion (1989) und Parlamentsmandat (2002) leistete sich Heiner Geißler den "Luxus", zu den eigentlichen Wurzeln seiner politischen Identität zurückzufinden. Sehr oft war er mit öffentlichen Äußerungen auf Seiten von Minderheiten zu finden. Er trat der globalisierungskritischen Organisation Attac bei, weil Geißler das "Wirtschaftssystem für nicht konsensfähig und zutiefst undemokratisch" einstufte. Und er tat sich im November 2010 nach den gewalttätigen Straßenschlachten als Vermittler des Bahnprojekts Stuttgart 21 hervor. Ausgerechnet die Grünen hatten Dr. Heiner Geißler als umsichtigen Moderator ins Gespräch gebracht.