Freitag, 13. Januar 2012

Auf Schützenscheiben Geschichten erzählen - Werkstattgespräch mit Irmgard Mezler-Andelberg in Graz - Pinsel zwischen Tradition und Moderne


















Schnelllebig, oft konturlos rast das digitale Zeitalter durchs Gedächtnis - trocknet das menschliche Miteinander unmerklich aus. Volksgeschichte wird zur Attrappe, Traditionen werden allzu oft in Fernseh-Maskeraden persifliert. Atempause. Zeitlupen-Tempo. Rückbesinnung. Das oft unausgesprochene Grundgefühl eines sterilen, unkenntlichen Lebens nistet in vielen Köpfen dieser Jahre. Dieses Vakuum ist für Irmgard Mezler-Andelberg aus Graz der Grund, ihre Nähe im Vergangenen oder bereits Verschüttetem zu suchen, oft verspottete Traditionen in ihren Bildern zu entzerren.

Dabei ist die Malerei der früheren Polizei-Beamtin keineswegs ein nostalgisch verklärtes Liebäugeln nach der "heilen Welt" vergilbter Augenblicke. Ihre Schützenscheiben skizzieren authentisch Geschichte und erzählen Geschichten, wie sie sich zwischen romantisch angehauchten Schlössern und hinter penibel hergerichteten Barockfassaden zutrugen. Lernprozesse. Aufgewachsen in der Steiermark zwischen Schlössern, Kathedralen und dem Barock als städtebauliche Dominanz machte sich Irmgard schon als junges Mädchen in Österreich der siebziger und achtziger Jahre auf die Suche "nach der verlorenen Zeit". Inspirationen.
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Schützenscheiben sind in Mitteleuropa seit etwa dem 14. Jahrhundert aktenkundig. Im Mittelalter mussten sich die Städte vor Plündererbanden verteidigen. Vereine wurden gegründet, die einer Bürgerwehr vergleichbar waren. Die Wehr der Stadt galt als unumstößliche Bürgerpflicht. Viele Gemeinden hielten jährliche Wehr- und Schießübungen ab. Galt es im Angriffsfall, mit Schrot und Flinte Paroli zu bieten - Haus wie Hof, Weib und Kind zu schützen. Tatsächlich war es die Geburtsstunde jener aus Holz geschnitzten Bretter, die sich Schützenscheiben nennen durften. Trainingsschießen. Schützenscheiben sind letztendlich kunstvoll bemalte Holzscheiben. Sie geben Auskunft vom Schützenleben, von der Arbeit, von Geselligkeit, über Jagd wie Brauchtum verflossener Epochen. Sie zeigen Häuser, Wohnungen samt Interieur, Ortsansichten, Trachten und Geräte aller Art mit ihren technischen Fertigkeiten. Kurzum: Längst zählen Schützenscheiben zur Kategorie kulturhistorischer Dokumente. Es gibt zahlreiche bemalte Bilder einer sich über Jahrhunderte erstreckenden Tradition. Schützenscheiben reflektieren nicht nur Episoden vergangener Zeitläufe, gleichfalls auch Stadtansichten in der Ära des Barock und des Rokoko. Viele Holzscheiben nehmen spätestens seit dem 19. Jahrhundert konsequenterweise Bezug auf nationale Ereignisse und nationale Größen wie Bildnisse von Kaiser Franz Joseph oder dem Erzherzog Johann mit seiner Frau Anna in der Steiermark. Sie überliefern zudem kriegerische Begebenheiten, Katastrophen, Feuer- und Wassernöte, Hochzeits- und Geburtstagsfeiern - Kulturgemälde als Chronik von besonderen Ereignissen.
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Schützenscheiben begleiten Irmgard schon seit ihrer Jugendzeit. Malen und Zeichnen, auch der gezielte Weitwinkel-Blick auf scheinbar verborgene Kunstwerke ebneten ihr den Weg, einen seelischen Ausgleich zu ihren beruflichen Aufgaben im polizeilichen Verwaltungsdienst zu finden. Inspiration. Gelebt hat sie schon in manchen Metropolen der österreichischen Republik. Ob in Wien, Klagenfurt, Leoben oder auch in Graz - überall stöberte sie in Kellern wie Hinterhöfen nach alten Bild-Motiven verschlissener Scheiben . Einst hingen derlei farbenprächtigen Symbole unter den Giebeln ländlicher Häuser. Der hastige Lauf moderner Zeiten verbannte die Kunst von einst in Kellern oder Garagen, wenn nicht ein Volksmuseum oder Heimathäuser sich ihrer annehmen. Ob Schützen, Männerfanfaren oder auch tiefe Stoßgebete vor den jeweiligen Waffen-Schüssen - derlei Rituale sind Irmgard Mezler-Andelberg zweitrangig, letztlich einerlei. Frauen-Sicht. Wichtig ist ihr, scheinbar verwelkte, geradewegs vergessen geglaubte Tugenden vielerorts neues Leben einzuhauchen. Traditionen, die ungeahnt weiter fortleben und zweifelsfrei besagen: einer für alle, alle für einen im Alpenland - das sich Österreich nennt.--------------------------------------------------------------------------------------

Geburtstags-Festscheibe, Öl auf Holz nach einem Motiv von Felix Müller; Öl auf Holz, 40 Durchmesser, Graz 2012
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Jagd-Geschehen - Festscheibe nach einem Motiv von Felix Müller, Graz 2012 Öl auf Holz, 50 cm Durchmesser
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Die Stadt Graz mit dem Heiligen Sebastian als Schutzpatron;
Öl auf Holz, 80 cm Durchmesser, Graz 2008
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Geburtstagsscheibe zu Ehren des steierischen Goldschmieds und Weltenbummlers Ferdinand Skledar, Öl auf Holz, 60 cm Durchmesser, Graz 2003
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Tradition im alltäglichen Vereinsleben; die Steiermark, 2000; Öl auf Holz 60 cm Durchmesser
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Ehrenscheibe zum Geburtstag - Motiv: Arbeitsgeräte eines Tischlers, Graz 2001, Öl auf Holz, 60 cm Durchmesser
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Nach einem Aquarell aus dem Grazer Schützenbuch (1568) von Leonhard Flexl; Öl auf Holz, 60 cm Durchmesser
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Familienwappen Andelberg, Graz 2001;Öl auf Holz, 40 cm Durchmesser
----------------------------------------------------------------------------------Österreichische Staatsmeisterschaft für IPSC-Wettbewerb;Graz 2003; Öl auf Holz 60 cm Durchmesser
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Festscheibe zur Eröffnung einer erweiterten Sportanlage, Graz 2003; Öl auf Holz 60 cm Durchmesser
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Grazer Bürger im Aufzug eines großen Schützenfestes. Nach einem Aquarell von Leonhard Flexl aus dem Jahre 1568. Öl auf Holz, Durchmesser 60 cm
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Brauerei Reininghaus Graz. Gemalt nach einer alten Ansichtskarte. Öl auf Holz, Durchmesser 60 cm
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Geburtstagsscheibe - Motiv: Südsteirisches Hügelland
mit Vereins-Emblem und Ausschnitt aus Gemeindewappen;

Öl auf Holz, Durchmesser 60 cm.
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1 Kommentar:

Bernhard Maier hat gesagt…

Hallo,
Wirklich tolle Schützenscheiben.
Infos auch unter:

Die Schützenscheibe